Die Digitalisierung verändert nahezu jeden Bereich der Industrie – auch die Kalibrierung von Messmitteln. Wo früher Papierdokumente dominierten, gewinnt das digitale Kalibrierzertifikat (Digital Calibration Certificate, kurz: DCC) zunehmend an Bedeutung. Doch wie so oft reicht es nicht aus, analoge Prozesse ins Digitale zu übertragen. Erst ein branchenweiter Standard ermöglicht es, den vollen Mehrwert des DCC auszuschöpfen. Dieser Beitrag zeigt, warum ein einheitliches Format entscheidend ist, welche Herausforderungen bestehen und wie die Zukunft der Kalibrierzertifikate aussieht.
Vom Kalibrierschein zur digitalen Zukunft
Das nach ISO/IEC 17025 akkreditierte Kalibrierlabor von WIKA befasst sich täglich mit der Erstellung von Kalibrierzertifikaten. Lange Zeit war der klassische Kalibrierschein ausschließlich in Papierform erhältlich. Mit der Digitalisierung der Industrie rückt jedoch das digitale Kalibrierzertifikat (DCC) immer stärker in den Fokus. Die Vorteile liegen auf der Hand: effizientere Prozesse, automatische Datenverarbeitung und geringere Fehleranfälligkeit.
Das DCC in der Praxis: ohne Standard nichts wert
Aktuell stellen verschiedene Anbieter bereits digitale Kalibrierzertifikate aus. Technisch betrachtet handelt es sich dabei meist um XML-Dateien, welche die Inhalte des klassischen Kalibrierscheins digital abbilden. Das klingt zunächst nach einem großen Schritt Richtung Zukunft. Doch der Schein trügt: Denn ohne einen verbindlichen Standard ist jedes digitale Zertifikat ein individuelles Einzelstück. Jedes Unternehmen nutzt sein eigenes XML-Format – mit gravierenden Folgen:
- Hoher Implementierungsaufwand
- Fehlende Kompatibilität zwischen Laboren und Dienstleistern
- Insellösungen statt echtem digitalen Mehrwert
Kurz gesagt: Ein digitales Zertifikat ist nicht automatisch ein standardisiertes DCC, das Mehrwert für die gesamte Industrie schafft.
Vorteile eines standardisierten DCC für die Industrie
Ziel ist ein einheitliches, maschinenlesbares Format, das von allen Beteiligten eindeutig verstanden und verarbeitet werden kann. Genau daran arbeiten die Fachgruppen des Deutschen Kalibrierdienstes (DKD) und der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB): Sie definieren einen verbindlichen Standard mit klaren Struktur und Pflichtfeldern, sodass jedes DCC identisch aufgebaut ist – ein Format, das von jedem Labor in gleicher Weise zu verwenden und von jedem System zuverlässig zu verarbeiten ist. Erst ein solcher Standard macht das digitale Kalibrierzertifikat zu einem Gamechanger für die Industrie. Dann jedoch ist die Liste an Vorteilen lang:
- Automatisierte Datenverarbeitung
- Vereinfachte Prüfmittelverwaltung
- Reduzierte Fehlerquellen
- Effizientere Rückführungsszenarien
- Zukunftssichere Integration
Gerade Unternehmen mit einer Vielzahl von Prüfmitteln profitieren enorm, sobald DCCs konsistent und standardisiert zur Verfügung stehen.
Herausforderungen und Ausblick
Trotz Fortschritten in der Standardisierung gibt es noch Hürden für eine flächendeckende Umsetzung. Es braucht nicht nur die technischen Spezifikationen, sondern auch Schulungen, die Anpassung bestehender Softwarelösungen und ein Umdenken in den Prozessen. Doch der Trend ist eindeutig: Die Zukunft der Kalibrierzertifikate ist digital und basiert auf einem gemeinsamen Standard.
Die Arbeit der PTB und DKD-Arbeitskreise ist dabei der Schlüssel. Sie schaffen klare Vorgaben, die den digitalen Wandel erst ermöglichen. Nur wenn digitale Kalibrierzertifikate überall nach denselben Regeln erstellt und verarbeitet werden können, ist der Weg frei für eine effiziente, sichere und zukunftsfähige Messtechnik.
Fazit: Standardisierung als Erfolgsfaktor
Viele Anbieter können heute bereits digitale Kalibrierscheine ausstellen – der Nutzen für die Industrie bleibt jedoch begrenzt, solange jeder sein eigenes Süppchen kocht. Erst eine konsequente Standardisierung durch die etablierten Institutionen verleiht dem digitalen Kalibrierzertifikat die Schlagkraft, die für die nächste Stufe der industriellen Digitalisierung notwendig ist. Der Schlüssel zu mehr Effizienz, Transparenz und Sicherheit in der Messtechnik liegt in einem gemeinsamen, verbindlichen Standard. WIKA arbeitet aktiv in den relevanten Gremien und Initiativen mit, um diesen Standard gemeinsam voranzutreiben. Das digitale Kalibrierzertifikat ist gekommen, um zu bleiben – und Standards sind der Wegbereiter für seinen nachhaltigen Erfolg.
Hinweis
Bei Fragen steht Ihnen unser Serviceteam werktags von 7 bis 16 Uhr (freitags bis 15 Uhr) unter der Telefonnummer +49 9372 132-5049 gerne zur Verfügung. Nähere Informationen zu unserem Kalibrier- und Service-Center erhalten Sie auf der WIKA-Webseite.
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